Picos de Europa, 1. Tag

4. August 2015 — Unser erster Gehtag in den Bergen. Vom Talort Poncebos geht es durch die atemberaubende Cares-Schlucht und den Canal de Trea hinauf ins Westmassiv zur Vega de Ario.

Der erste Tag in den Bergen

Der zweite Tag der Reise ist nach einer sehr abenteuerlichen Anreise unser erster Gehtag in den Bergen. Gut ausgeruht vom Reisestress haben wir ordentlich gefrühstückt und machen uns gegen 9 Uhr auf den Weg der ersten Etappe. Für unterwegs haben wir im Hostal Poncebos noch zwei Picknick-Beutel mitgenommen, denn weder hier im Dorf noch anderswo oben in den Bergen gibt es eine richtige Einkaufsmöglichkeit. Eine Supersache also, so ein Picknickbeutel aus der Unterkunft mit Bocadillos, Süßkram und frischem Obst. Und dieser sollte der Beste des ganzen Weges werden.

 

Die Berge waren schon gestern vom Küstenort Unqera aus in der Abendsonne gut zu sehen. Aber mit jedem Taxi-Meter Richtung Poncebos ist die Dunkelheit mehr über uns hereingebrochen, sodass wir erst jetzt, am nächsten Morgen, die imposanten, bleichen Felsriesen und die enge Schlucht um uns herum wirklich sehen können. Noch hängt der Nebel im Tal und dicke Wolken über uns.

 

Poncebos liegt auf nicht mal 200 Höhenmetern, unser Tagesziel, das Refugio Vega de Ario auf über 1600 hm. Wir haben uns ordentlich was vorgenommen für den ersten Tag.

Die Caresschlucht — Blick vom höchsten Punkt des Weges bei Poncebos in Richtung Caín. Der schmale Pfad ist am Hang deutlich zu erkennen.

Die Cares-Schlucht

Die ersten 8 Kilometer führt unser Weg am Nordrand der Picos entlang der berühmten Ruta del Cares durch die Schlucht des Rio Cares, die nach allen Seite steil ins Gebirge aufragt und mit zu den schönsten Dingen gehört, die die Picos zu bieten haben. Atemberaubend schlängelt sich der Weg nach einem ersten kräftigen Anstieg einige hundert Meter über dem Flusslauf des Cares serpentinenartig durch das enge Tal, oft nur wenig mehr als einen Meter breit. Immer wieder durchquert man höhlenartige Passagen, die in den Fels gesprengt wurden und überquert schwindelerregende Brücken über das Tal auf die andere Hangseite. Im aufsteigenden Nebel hat die Schlucht fast etwas Mystisches.

 

Die Tour durch die Schlucht ist allerdings nicht ganz ungefährlich. Gelegentlich löst sich oben in den Bergen Geröll, meist losgetreten von Geißböcken, die dort am Hang zuhause sind. Steinschläge sind also keine Seltenheit in der Schlucht und viel Platz zum Ausweichen hat man nicht auf dem schmalen Weg. Gerade wenn es bei guten Wetter sehr voll ist, muss man gut aufpassen, wo man hintritt. Geländer gibt es (zum Glück) in der ganzen Schlucht nicht. Nur die Brücken sind gesichert. Gerade bei Gegenverkehr bewegt man sich auf dem sehr schmalen Pfad oft nahe am Abgrund.

Ruta del Cares — In den Fels gesprengte Höhlengänge und Steinbrücken machen die Caresschlucht passierbar.

Massentourismus

Es könnte wirklich traumhaft sein, wenn der Weg nicht fest in der Hand von Tagestouristen wäre. Das Problem ist der sensationelle Schauwert gepaart mit der Tatsache, dass die Schlucht sehr leicht zugänglich ist. Mit dem Auto kann man unmittelbar bis zum ersten Aufstieg fahren. Die 12 Kilometer von Poncebos bis nach Caín scheinen überschaubar und vermeintlich leicht zu bewältigen, so dass sich tagtäglich an die tausend Menschen im Gänsemarsch durch das Tal quälen.

 

Wenn man weiß, was man tut, ist der Weg gar kein Problem. Man sollte sich nur im Klaren sein, dass es ein Wanderung ist und kein einfacher Spaziergang. Leider sind viele völlig unvorbereitet und mit der falschen Ausrüstung unterwegs, was im besten Fall nur nervt, im schlimmsten lebensgefährlich werden kann. Viele sieht man mit dem völlig falschen Schuhwerk, ohne genügend Wasser oder etwas Essbares, am besten mit der ganzen Familie inklusive Oma und Opa, dazu völlig überforderte und quängelnde Kleinkinder, gelegentlich noch ein Kinderwagen und natürlich der geliebte Spielzeughund. Jahrmarktstimmung.

 

Und wenn sie dann nach 12 Kilometern endlich völlig erschöpft und halb verdurstet in Caín angekommen sind und ihr Nahrungsdefizit für viel Geld an den auf Touristen spezialisierten Fressständen wieder ausgeglichen haben, fällt ihnen plötzlich ein, dass das Auto ja am anderen Ende der Schlucht steht und sie den ganzen quälend langen Weg (Richtung Poncebos meist auch noch bergauf), wieder zurück müssen. Eine regelmäßige Busverbindung zwischen Caìn und Poncebos? Fehlanzeige! Mit dem Taxi außen um Berge? Sehr weit und damit recht teuer. Also bleibt nur der Fußmarsch zurück. Entsprechend ist dann auch die Stimmung vieler, die man auf dem Weg so trifft…

Vega de Ario — Endlich oben angekommen scheint fernab vom Touristentrubel die Sonne.

Ab in die Berge

Zum Glück, wie gesagt, ist es neblig an diesem Morgen und der Weg noch relativ leer im Vergleich zu dem, was wir 4 Jahre zuvor dort erlebt hatten. Und zum Glück auch dürfen wir nach nur 8 km einen Abzweig nehmen, der uns an der Steilwand weiter hinauf fast senkrecht viele hundert Höhenmeter nach oben aufs Plateau und in die ersehnte Ruhe führt. Hier wird es dann das erste Mal tatsächlich ernst für die Kondition und Schritt für Schritt klettern wir im wahrsten Sinne des Wortes den Hang des Canal de Trea ins Westmassiv hinauf in der nun endlich durch den Nebel brechenden Mittagssonne, bis wir irgendwann auf der Höhe sind.

 

Kein Nebel mehr, nur noch strahlender Sonnenschein. Wir sind nun tatsächlich über den Wolken angekommen. Aber auch kein Weg ist mehr in Sicht, kein Pfad. Nur noch ein paar Farbmarkierungen und Steinmännchen leiten uns über die Felsen durch die ersten Höhenlagen der Picos. Nach einiger Zeit kommt dann das ersehnte erste Etappenziel das Refugio Vega de Ario in Sicht.

 

Nette Wirtsleute, gutes Essen für ein Refugio, wenig Wasser, keine Duschen. Insgesamt aber sehr nett und angenehm. Essen gibt es in den Refugios übrigens für spanische Verhältnisse recht früh, meist zwischen 7 und 8 Uhr abends. Danach noch schnell auf die die nächste Anhöhe um die Sonne im Wolkenmeer verschwinden zu sehen und dann ab in den Schlafsack. Wir haben super geschlafen!