Picos de Europa, 3. Tag

6. August 2015 — Nach zwei Einstiegstagen steht uns heute die erste Mammuttour bevor. Mit geplanten 8-10 Stunden reiner Gehzeit machen wir uns von der Vegarradona auf ins Gebirge, um das im Westmassiv weiter südlich liegende Refugio Vegabaño zu erreichen.

Ein Mammutprojekt

Den anstrengenden Aufstieg am ersten Tag hatten wir erstaunlich gut gemeistert. Der zweite Tag war eigentlich zur Entspannung gedacht. Die geplante Gehzeit und die zu bewältigenden Höhenmeter waren eigentlich recht überschaubar. Tatsächlich war das Unternehmen dann aber aufgrund der Wegverhältnisse wesentlich anstrengender als gedacht und hat uns einiges an Kraft gekostet.
 
Die heutige dritte Etappe dagegen schien uns von Anfang an ein Mammutprojekt, denn mit geplanten 8-10 Stunden reiner Gehzeit zur nächsten Herberge und einer beachtlichen Zahl von Höhenmetern, die vor uns liegen, haben wir uns einiges vorgenommen. Nach den Erfahrungen vom Vortag kommen schon ein paar Zweifel, ob das für uns wirklich machbar ist. Ein Zwischenstopp ist mangels Refugios auf der Strecke nicht möglich also müssen wir da durch, wollen wir den ganzen Anillo de Picos schaffen. Für den absoluten Notfall gibt es an der Vega Huerta eine Notunterkunft nach ca. zwei Dritteln der Strecke, aber wir wollen natürlich so weit wie möglich kommen und im Plan bleiben. Das heißt früh losgehen und möglichst den ersten großen Aufstieg hinter uns lassen, bevor die Sonne hoch am Himmel steht. Und dann durchhalten und Schritt für Schritt immer weiter.

Morgens beim Aufstieg — Unten im Tal liegt das Refugio Vegarredonda. Der Blick schweift in die Berge, die von der aufgehenden Sonne in goldenes Orange getaucht werden.

Aufbruch im Morgengrauen

Kurz vor Sonnenaufgang marschieren wir also los. Der Frühnebel hängt noch an den Bergen und viel ist nicht zu sehen von der bizarren Felsenwelt um uns herum. Aber das soll sich bald ändern. Schritt für Schritt geht es in der noch frischen und kühlen Morgenluft aufwärts und bald sind wir über dem Nebel aus dem Wolkenmeer aufgetaucht, das von der aufgehenden Sonne ganz orange schimmert.
Unser Weg ist heute nicht zu verfehlen. Gut sichtbar windet sich der schmale Pfad immer weiter in die Höhe und Farbmarkierungen weisen uns sicher den Weg. Nach und nach taucht die Sonne die Felsen um uns herum in schimmerndes Licht und ehe wir uns versehen, sind wir schon am ersten Pass angekommen. Es läuft gut, viel leichter als am Vortag. Und das Wetter ist ein Traum. Die Sicht ist schier endlos und die Stimmung bei uns bestens. Fast mühelos meistern wir die kleinen Kletterpartien, die immer wieder auf unserem Weg liegen und hangeln uns von Pass zu Pass. Längst sind wir in Höhenlagen angekommen, wo vereinzelte Schneefelder das ganze Jahr lang nicht wegtauen. Die Ruhe und Einsamkeit hier oben ist herrlich. Und doch fühlen wir uns sicher, weil wir nicht ganz alleine sind. Hin und wieder mal treffen wir Leute, meist bekannte Gesichter, die sich morgens mit uns auf den Weg gemacht haben.

Schnee und Felsen — Oben wird der Weg flacher, aber Kletterpassagen und Schneefelder werden immer wieder zur Herausforderung.

Ausgiebige Rast und ein langer Absteig

Früher als gedacht erreichen wir dann auch die Nothütte mit Brunnen, bei der wir erstmal ausgiebig Rast machen und die Bocadillos genießen, die dank zweitägigem Aufenthalt in unseren sonnenbeheizten Rucksäcken mittlerweile lecker überbacken sind.
 
Es läuft super und von Müdigkeit ist noch nicht viel zu spüren. Wir sind uns nun sicher, dass wir diese Etappe gut bewältigen können. Nur ein kleiner Aufstieg liegt noch vor uns und dann ist der letzte Pass des Tages erreicht, bevor es steil und steinig hinunter ins Tal zurückgeht.

 

Mittlerweile ist es längst Nachmittag und die Sonne brennt vom Himmel. Der Abstieg schlaucht uns ganz schön und geht in die Beine. In kurzer Zeit sind wir einige hundert Höhenmeter abgestiegen und langsam kommt auch die Vegetation zurück. Das letzte Stück des Weges durch dichte Sträucher und Kiefernwälder zieht sich ziemlich und wir merken, dass das doch nicht nur ein kleiner Spaziergang war, was hinter uns liegt.

Klettern bis zur Vega Huerta — Gelbe Farbmarkierungen weisen den Weg. Lohn ist eine sonnige Mittagspause an der Schutzhütte. Hier gibt es neben einem Brunnen vor allem viele Kühe.

Das beste Menü der ganzen Tour

Endlich kommt das Refugio Vegabaño in Sicht. Draußen stehen Tische die zum Verweilen einladen. Das obligatorische Etappenbier mit Zitronenlimo (caña con limón) zischt weg wie nichts und nach der ersehnten heißen Dusche wird der Tag vom besten Herbergsessen gekrönt, das wir auf dem ganzen Weg bekommen haben. Ein toller Tag, der Lust auf all das macht, was noch vor uns liegt!