Picos de Europa, 2. Tag

5. August 2015 — Geweckt von der Sonne und gut gestärkt mit tostadas und der üblichen Hüttenvariante von café con leche machen wir uns auf den Weg des zweiten Tages. Ziel ist das Refugio Vegarredonda, das noch weiter westlich liegt. Unser geplanter Weg führt vom Refugio Vega de Ario erstmal weiter nach oben in die abgelegene Welt der Berge.

Zwei Wege

Nach unserem ersten Hüttenfrühstück geht es gleich auf den Weg. Wir sind nicht die einzigen, die sich zur Vegarredonda aufmachen. Viele wählen aber eine andere Route, die über die Lagos de Enol führt und damit erstmal ein Stück talwärts, bevor man dann zum Refugio wieder aufsteigt. Der Abstecher zu den Seen ist wirklich sehr lohnenswert. Traumhaft schön liegen sie zwischen den ringsum aufragenden Bergen. Aber auch hier schlägt die Touristenfalle zu. Die Lagos sind von Covadonga aus bestens mit dem Auto zu erreichen und auch Busse laden im regelmäßigen Takt immer wieder neue Menschenmassen für einen kleinen Rundgang mit Kaffee und Kuchen ab.
 
Wir hatten die Seen 2011 schon auf der Ruta de la Reconquista gesehen, also haben wir uns für den Weg entschieden, der umgekehrt erstmal weiter hinauf in hochalpine Lagen führt, bevor man dann zur Vegarredonda wieder etwas absteigt. Die Alternative über die Seen ist vor allem bei schlechtem Wetter, gerade bei Nebel unbedingt zu empfehlen, weil dann oben die Orientierung nahezu unmöglich ist. Der Sonnenschein hat uns aber weiter hinauf in die Stille gelockt, um die Bergwelt weiter zu erkunden.

Vega de Ario — Blick zurück zum Refugio. Bei strahlend blauem Himmel machen wir uns auf den Weg.

Rätselraten

Zunächst gehen wir noch einige Meter über einen kleinen Pfad hinauf bald aber nur noch weglos durch eine karge Felslandschaft. Steinmännchen, so genannte hitos, sind die einzigen Anhaltspunkte. Diese Etappe ist leider nicht mit Farbmarkierungen gekennzeichnet, so dass die Orientierung selbst bei strahlendem Sonnenschein schwerfällt. Es bleibt uns nichts anders als permanent Ausschau nach dem nächsten Steinhaufen zu halten, der von Menschenhand ‘gestapelt’ sein könnte und der uns dann grob die Richtung vorgibt, in die wir gehen oder klettern sollten. Immer wieder verlieren wir in der Geröllwüste die klare Peilung, weil eben dann doch der nächste hito nicht in Sicht kommen will.

Im Irrgarten — Oben ist die Aussicht auf die Berge einfach herrlich. Aber die Orientierung in der weglosen Landschaft wird immer wieder zur Herausforderung.

GPS, dein Freund und Helfer

Schon hier sind wir froh, dass wir unser GPS dabei haben und es gut gefüttert ist mit Tracks für die einzelnen Tage und Routen. Gegen Mittag ein paar Wanderer aus der Gegenrichtung, dass sind die einzigen Menschen, die wir treffen hier oben. Was für ein Unterschied zum Vortag.
 
Es geht weiter permanent über Stock und Stein und langsam wird die Angelegenheit nervig. Immer wieder kommen wir von der Route ab und hängen plötzlich an einer Stelle fest, wo es einfach nicht weitergeht, weil ein steiler Abgrund im Weg ist oder eine Felsspalte, über die man nicht hinüberkommt. Also wieder ein Stück nach einer Alternative gesucht. Wir haben das Gefühl, überhaupt nicht voranzukommen. Und auch der Sonnenschein macht so keinen Spaß mehr. Wir braten regelrecht in der Mittagshitze und nirgends ist ein Baum in Sicht, der Schatten spenden und zu einer Pause einladen könnte. Aber das GPS und der Track bringen uns zum Glück immer wieder auf die richtige Spur und schließlich doch zum ersehnten Pass, der uns dann über große Geröllfelder in einer lustigen aber nicht ganz ungefährlichen Rutschpartie wieder etwas talwärts bringt. Und nach einem Abstieg, der nun vor allem auch die Knie noch mal richtig zu ihrem Recht auf Schmerzen kommen lässt, erreichen wir schließlich das lang ersehnte Refugio Vegarredonda.
 
Klartext: Ohne GPS ist diese Tour nicht machbar und bei plötzlichem Nebel sicher lebensgefährlich!

Vegarredonda — Abends versinken die Berge langsam im Dunst.

Refugio Vegarredonda

Im Refugio erzählt man sich die Geschichte von einem seit dem Winter verschollenen Wanderer, der erst vor ein paar Tagen tot aufgefunden wurde. Bergweltgrusel und eine Mahnung zur Vorsicht. Außerdem erfahren wir, dass die hitos dort oben nicht unbedingt zum Track zwischen den Refugios gehören, sondern dass viele davon von Höhlenforschern aufgestellt wurden um sich bei Ihren Expeditionen zu orientieren. Das hätte jemand ja früher mal sagen können.
 
Glücklich am Ziel haben wir uns eine schöne heiße Dusche gegönnt vor dem Abendessen. Das war dann im Vergleich zum Vortag eher Massenabfertigung und nicht besonders lecker. Aber es hat satt gemacht und Kraft gegeben für den nächsten Tag. Da haben wir uns eine echte Mammutetappe vorgenommen und jetzt nach den Erfahrungen des Tages schon ein paar Zweifel, ob wir das packen. Also erstmal schnell in den Schlafsack und die Akkus aufladen für den nächsten Tag.